Schachtstraße, Darmstadt

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04/12/2012
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26/05/2012

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09/03/2012

Schachtstraße: Zackenzirkus mit Zaubersprüchen

Darmstädter Straßen: Letzte Ausfahrt vor den Gleisen: In der Schachtstraße erinnert eine kühne Drei-Häuser-Gruppe an Darmstadts Zeit im Expressionismus

Nein, Hjalmar Schacht ist es nicht. Aber er fällt einem als erstes ein. Schließlich haben wir ja auch immer noch eine Hindenburgstraße. Und wäre das Gässlein am südlichen Gleisfeld des Hauptbahnhofs wirklich nach Hjalmar Schacht benannt worden, dem Finanzminister Hitlers und eifrigen Spender im „Freundeskreis Reichsführer SS“ – man hätte diese kleine Peinlichkeit gewiss einfach übersehen.
Aber es ist eben nicht Hjalmar Schacht, sondern Theodor Schacht, von dessen Ruhm ein wenig in diese ferne Ecke hatte fallen sollen. Das macht es nicht gerade besser. Denn wenn Theodor Schacht die Ehre, die man ihm zuteil werden lassen wollte, wert ist, dann geschah dies am falschen Platz.

Dr. Theodor Schacht (1786-1870), Geograph, Philosoph und vor allem Pädagoge, Landtagsabgeordneter in den wilden Zeiten Georg Büchners – ihm verdankt Darmstadt die Gründung der Höheren Gewerbeschule (1836), die sich dann zur Technischen Hochschule entwickelte. Die heutige TU: In Schacht hat sie ihren ersten Direktor. Eigentlich müsste also die Hochschulstraße nach Schacht heißen, oder die Zeughausstraße, oder der Kantplatz.

Das Schacht-Versteck am Hauptbahnhof ist um so kurioser, als die kleine Gasse auch noch zweimal den Namen wechselt. Wenige Schritte von der Rheinstraße ab heißt sie schon Külpstraße, womit ein weiterer Schuldirektor geehrt werden soll, Edmund Jakob Külp (1801-1862). Die Külpstraße wiederum heißt nach zwei Atemzügen „Am Fürstenbahnhof“. Das klingt so vornehm. Würde ein Vogel hier einen Klecks fallen lassen, bekäme auch der wahrscheinlich noch einen eigenen Straßennamen.
Kraft unseres Amtes benennen wir deshalb für die Dauer dieses Artikels Schacht- und Külpstraße in Kleinschmidt- und Schiekerstraße um. Denn Hans Kleinschmidt und Hermann Schieker sind die Architekten, die 1926 für die damalige Wohnbaugesellschaft SIEGE die dreiteilige Blockbebauung im Winkel von Schacht- und Külpstraße errichtet haben. Drei Häuser in Verbindung, deren Stellung zueinander einen Kastanienhof U-förmig umgreift.
Drei Häuser, die einzige Bebauung der bisherigen Schachtstraße, die Nummern 2-8 (ungerade gibt es nicht). Und eines der wenigen architektonischen Juwelen, die Darmstadt noch hat. Ein Diamant des Expressionismus, blind geworden; das ist wahr.
Darmstadt hat sich angewöhnt, seine Baugeschichte auf den Jugendstil zu verkürzen. Nun, dessen Häuser stehen ja oben und beieinander. Der Jugendstil endete am ersten Tag des Ersten Weltkriegs, 1. August 1914. Expressionismus einerseits, Neue Sachlichkeit andererseits waren nach Kriegsende die künstlerischen und architektonischen Antworten auf jene gründlichst vergangene Vergangenheit. Beide sind in Darmstadt mit bemerkenswerten Beispielen vertreten – nur eben verstreut.
Während die Zeugnisse der Neuen Sachlichkeit jedoch hinter dem weitgreifenden Wiederaufbau der fünfziger Jahre zurücktreten, ja – wie am Friedrich-Ebert-Platz – kaum mehr als Architektur der Zwischenkriegszeit erkannt werden, sind die Häuser des Expressionismus irritierende, zum Teil sogar verstörende Solitäre geblieben. Um so mehr, als sie sich an den nordischen Backsteinstil anlehnen, der seit je zu skulpturalen Extravaganzen neigt.

Dabei ist Backstein keineswegs fremd in unserer Gegend; südöstlich von Darmstadt gab es ein Jahrhundert lang große Ziegeleien, aus deren gebranntem Ton Industrie- und Verkehrsbauten ebenso wie Mietskasernen hochwuchsen. In den zwanziger Jahren fanden Architekten dann auch in Darmstadt den Mut, den Stein unverputzt zu lassen, die Varianz der Rottöne für abwechslungsreiche Fassaden zu nutzen, schließlich die plastische Erscheinung ins Extreme zu steigern. Und schließlich hatten sie einen guten Leumund – Joseph Maria Olbrich, der Darmstadt ja bereits 1908 mit dem Hochzeitsturm das Backsteinmonument schlechthin auf die Stirn gestellt hatte.
Von allen backsteinernen Beispielen des Expressionismus ist das in der Schachtstraße das erregendste. Als wollten die Wände den Kubus fliehen, zu dem sie doch gehören, springen sie spitz vom Haus davon; Zacken gibt es an allen Ecken und Enden; das Haus schlägt Wellen, ziert sich selbst noch auf den Böden des Treppenhauses mit sechseckigen Terrakottafliesen, derweil die feuerroten Handläufe in gewagten Schnecken auslaufen. Atemberaubend. Ampeln wie aus tausendundeiner Nacht beleuchten die Hofeinfahrten, und die Regenrohre sollten eigentlich längst im New Yorker Museum of Modern Art hängen.
Die senkrechten Hieroglyphen dagegen, aus Klinkern zusammengesetzte Zaubersprüche, müssten von Ägyptologen gedeutet werden. Wie lebt es sich in so einem Zackenzirkus? Schlecht – wenn man alt ist. Sagt eine Mieterin, die schon dreißig Jahre hier wohnt. Am Schwarzen Brett hängt tatsächlich noch die Hausordnung der „Gemeinnützigen Bundesbahn Wohnungsbaugesellschaft m. b. H.“, doch mit 63 000 weiteren deutschen Eisenbahnerwohnungen sind auch diese hier längst an eine Firma namens „Deutsche Annington“ verkauft worden. Darüber, wie die – sie vertritt einen englischen Konzern – mit Häusern und Mietern umgeht, haben wir schon mehrfach berichtet.
Die Mieterin zählt in Windeseile Mängel über Mängel auf, die nicht behoben werden. „Beklagt man sich, kriegt man freche Antworten.“ Und der Hausmeister ist auch nie da.
Philipp Stein (21) beklagt sich nicht. Er ist mit zwei Kumpeln in eine 100-Quadratmeter-Wohnung gezogen; gemeinsam hat man Abi gemacht, gemeinsam das Studium an der TU begonnen, gemeinsam eine Bude gesucht. „In die hier haben wir uns sofort verliebt, das fanden wir supergeil“, sagt Stein. Man versteht das ohne große Erklärungen: große, hohe Räume, Balkon, Erker, Dielenboden, gläserne Flügeltüren, eine geräumige Küche mit Speisekammer, und das alles für 800 Euro. Der Bahnhof ist nah, „dort kriegt man alles, was man braucht, und außerdem, von da kann man schnell nach Hause fahren. Wir kommen ja alle drei aus dem Rheingau.“
Und was ist mit dem Lärm? Von der Rheinstraße dringt stets Rauschen bis in die Räume, dazu Züge und Straßenbahnen. „Ja klar, schon morgens haben wir mindestens dreimal hintereinander Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen. Aber ich bin“, sagt Stein, „aus Hochheim. Da ist der Flughafen nah und man Lärm gewohnt. Ich hör’s gar nicht mehr.“ So unterschiedlich kann man seinen Wohnort erleben.

Zwischen Student und Rentnerin leben in dem Mikrokosmos Darmstädter, die aus der Türkei, aus Indonesien, aus Marokko stammen, Arbeitnehmer und Arbeitslose. Kaum Kinder. Dafür Amerikafans. An einer Hauswand baumelt das Sternenbanner, auf einem Balkon, neben Alpenfotos, wirbt ein Thermometer für die „Route 66“.
Ein Ort, um Fernweh zu kriegen ist es zweifellos, das ziegelrote Drei-Häuser-Dörfchen, da, wo die Züge abfahren und der Straßenverkehr auf die Autobahn fließt. Dennoch bleibt es ein Stück Darmstadt – und dringend sanierungsbedürftig.

Quelle: www.echo-online.de

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