13/05/2026
Sehr geehrter Herr Boettcher,
handeln wir so, wie wir selbst behandelt werden wollten, wenn wir Flüchtlinge wären. Dann wird das Selbstverständliche wieder selbstverständlich. Selbstverständlich war und ist es seit jeher, dass Menschen in höchster Not Hilfe brauchen. Zigtausende von Flüchtlingen hätten Hilfe gebraucht, aber sie haben keine Hilfe erhalten. Sie sind auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken. Die Schiffe der Europäischen Union sind an ihnen vorbeifahren. Die Hubschrauber der Europäischen Union sind über sie hinweggeflogen. Die Politikerinnen und Politiker der Europäischen Union haben über sie hinweggeredet. Ihr Reden läuft auf den Satz hinaus: Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um. Redet man so auch über die Opfer in den Unfallkliniken?
Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um. Weil das von der EU billigend in Kauf genommen wird, weil die Flüchtlinge aber dem Hunger, der Folter und dem Tod entkommen wollten, haben sie den Tod gefunden: Das gilt für die 29 namenlosen Menschen, die während der 18-tägigen Fahrt zu den Kanarischen Inseln an Hunger und Durst gestorben sind. Das gilt für die zwei Frauen und drei Kinder, die vor der Küste Libyens über Bord des Schlauchboots gestürzt sind, das Luft verloren hatte. Das gilt für diejenigen Flüchtlinge, die von ihrem manövrierunfähigen Boot aus verzweifelt und flehentlich tagelang vergeblich um Hilfe baten; die Behörden ließen sie sterben. Das dient, so denken sie, der Abschreckung, manchmal sagen sie das auch. An die zehn Menschen täglich sterben auf diese Weise im Mittelmeer, an die dreihundert im Monat, viele Tausend im Jahr, Zehntausende waren es in den vergangenen Jahren. Frontex, die europäische Grenzschutzagentur mit Sitz in Warschau, fühlt sich für die Rettung dieser Menschen nicht berufen. Frontex ist eine Art europäische Grenzpolizei. Ist aber, frage ich, eine Polizei noch eine Polizei, die sich zur Rettung von Menschen nicht zuständig fühlt?
Die humanitären Rettungseinsätze per Schiff im zentralen Mittelmeer haben, weil die EU und die Staaten sich verweigern, zivile, nicht staatliche Vereine und Verbände übernommen, solche also, die auf Spendenbasis arbeiten. Allein der private Verein Sea Eye habe seit der Gründung im Jahr 2011, so sagt der Vorstand, 19 000 Menschen gerettet. Gleichwohl sind selbst die ohnehin kärglichen Bundesmittel, die 2026 für die zivile Seenotrettung noch eingeplant waren, komplett gestrichen worden: lächerliche zwei Millionen Euro.
Es ist deshalb anrührend, wenn sich ersatzweise Städte und Gemeinden symbolisch und auch finanziell engagieren, wenn sie Patenschaften für die Rettungsschiffe übernehmen und zu Spenden aufrufen, um private Nothilfe weiter zu gewährleisten – sich aber dann von Kritikern und Aufsichtsbehörden sagen lassen müssen, dass sie dafür, als die unterste staatliche Ebene, nicht zuständig seien; das habe mit kommunalen Aufgaben nichts zu tun. Wirklich nicht? Ist nicht „die Würde des Menschen zu achten und zu schützen … Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“? Aller! Zu diesen allen gehören die Gemeinden. Und sind sie es nicht auch, die die Flüchtlinge bei sich aufnehmen?
Ich bin stolz auf die Gemeinden, die Hilfe leisten. Sie zeigen, dass das Reden von der „einen Welt“ kein leerer Spruch ist. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche
Heribert Prantl