04/05/2025
Gefährliche Erinnerungen – Wenn Psychotherapie zu Falschbeschuldigungen führt
Man rechnet nicht damit. Nicht als Therapeut. Nicht als jemand, der anderen hilft, ihre tiefsten Wunden zu heilen. Und doch kann es passieren – plötzlich steht man selbst im Zentrum einer Geschichte, die man nie für möglich gehalten hätte.
In meiner Arbeit habe ich viele Menschen begleitet, die an den Folgen echten Missbrauchs leiden. Ich weiß, wie tief solche Erfahrungen gehen. Doch ich habe auch erlebt, wie fragil Erinnerung ist – und wie gefährlich es werden kann, wenn sie durch fehlgeleitete therapeutische Prozesse beeinflusst wird.
Falschbeschuldigungen, die auf suggerierten oder konstruierten Erinnerungen beruhen, sind kein Randphänomen. Die Forschung – etwa durch Elizabeth Loftus – zeigt klar: Erinnerungen lassen sich erzeugen, verändern, emotional aufladen. Besonders in Therapien, die gezielt nach „verdrängten Traumata“ suchen, kann es geschehen, dass Menschen von Dingen überzeugt sind, die nie stattgefunden haben.
Was im geschützten Raum der Therapie beginnt, kann dann in die Öffentlichkeit dringen – mit massiven Konsequenzen: soziale Isolation, Rufschädigung, berufliche und existenzielle Zerstörung.
Therapie darf niemals Wahrheiten schaffen, sondern muss beim Menschen bleiben. Zuhören statt deuten. Fragen statt erklären. Und vor allem: Verantwortung tragen für die Macht, die in Worten liegt.
Aber es gibt auch die andere Seite.
Sie ist seltener, aber ebenso zerstörerisch – und oft kaum beweisbar: die Falschbeschuldigung. In diesen Fällen sind die vermeintlichen Opfer meist keine Lügner, keine Täter. Sie beschuldigen nicht absichtlich falsch. Sie sind überzeugt, dass das, was nie geschehen ist, tatsächlich Realität war.
Und das Tragische: Die wahren Täter sind hier oft die Psychotherapeuten selbst.
Nicht aus Böswilligkeit – sondern aus methodischer Verirrung, fehlender wissenschaftlicher Fundierung, oder ideologischer Fixierung. Wenn Therapeut:innen in ihren Klient:innen „verdrängte Missbrauchserfahrungen“ suchen, wo keine sind, wenn sie suggestive Techniken anwenden, anstatt offen zu begleiten, wenn sie Diagnosen stellen, bevor ein Mensch sich selbst gefunden hat – dann wird Therapie zur Gefahr.
Dann entsteht aus Hilfe eine neue Verletzung. Eine, die nicht nur das Erleben des Betroffenen verzerrt, sondern auch das Leben unschuldiger Dritter zerstören kann.
Manche Erfahrungen verändern den Blick.
Sie öffnen ein neues Verständnis dafür, wie schnell aus Fürsorge Übergriff wird – und wie wichtig ein verantwortungsvoller, demütiger Umgang mit Erinnerung ist.
Karl Sibelius